Die Spaßpartei des Satiremagazins „Titanic“ greift im Herbst nach der Macht in Bayern. Zu Besuch beim Landesparteitag

Timm hat sich auf dem Parteitag einen besonders prominenten Platz ausgesucht, gleich in der ersten Reihe. Und jetzt, eine Stunde nach Beginn, ist er eingeschlafen. Eilig baut sich das parteieigene Kamerateam vor ihm auf. „Das ist super“, sagt die Kamerafrau. Schlafende Mitglieder auf dem Parteitag passen der PARTEI gut ins Konzept.
Redakteure des Satire-Magazins Titanic haben die PARTEI im Jahr 2004 gegründet. Mutig und selbstbewusst wurden damals die ersten 100 Mitgliedsnummern übersprungen. Hitler hingegen übersprang bei seiner Parteigründung gleich 500 Nummern. „Wir sind viermal so mutig gewesen wie die Nazis und ich hoffe, wir werden auch viermal so erfolgreich sein wie die Nazis“, erklärt Parteichef Martin Sonneborn, ehemals Chefredakteur der Titanic.
Die PARTEI zählt mittlerweile über 6000 Mitglieder und ist bereits bei mehreren Wahlen angetreten, unter anderem bei der letzten Bundestagswahl. Die nächste Station ist die Landtagswahl 2008 in Bayern, dem „heruntergekommenen Südstaat“, wie der Parteichef sagt.




Sonneborn (links) ist der heimliche Star des Abends, Landesvorsitzender Bruckner ist müde

„Danke Freistaat!“
Im „Wirtshaus in Sendling“ trifft sich die PARTEI zum Landesparteitag. An der holzgetäfelten Wand kleben Roberto Blanco-Poster mit der Aufschrift „Warum nicht mal ein Neger? – Bayernwahl ist Präsidentenwahl“. Der gemietete Saal im Wirtshaus hat den Charme eines Obermenzinger Vereinsheims, doch im Prinzip ist alles da, was zu einem echten Parteitag gehört: Parteichef Sonneborn sitzt samt Versammlungsleiter, Generalsekretär, Schriftführer und einem Vertreter der parteieigenen „Hintner Jugend“ an einem Podium, das mit einer weiß-blauen Tischdecke und einem Bild von Franz Josef Strauß verziert ist. Vor den Parteifunktionären liegen stapelweise Antragsformulare. In den nächsten drei Stunden wird streng nach Vorschrift Polit-Bürokratie abgearbeitet. Vielleicht sollte man eher sagen „zelebriert“, denn mit viel Liebe zum Detail werden alte Vorstände entlastet, stellvertretende Ortsverbandsvorsitzende gewählt und kommissarische Schriftführer zu offiziellen Schriftführern gemacht. „Das alles haben wir dem Freistaat Bayern und seiner Gesetzgebung zu verdanken“, sagt Landesvorsitzender Gerd Bruckner, dem nach stundenlangen Abstimmungen die Haare verschwitzt auf der Stirn kleben. Vom Parteitag selbst bekommen die übrigen Wirtshaus-Gäste wenig mit, die Türen zur „geschlossenen Gesellschaft“ sind nur ein Spalt geöffnet. „Sind das Kommunisten?“, fragt eine ältere Dame, die seit zehn Jahren jede Woche ins Sendlinger Wirtshaus kommt. „Das ist ein Raucherverein“, beschwichtigt ein etwa vierzigjähriger, merklich angetrunkener Herr. „Also nichts Beunruhigendes, oder?“, fragt die ältere Dame.
Als Parteichef Sonneborn das erste Mal zum Parteivolk spricht, gibt er darauf klare Antworten: „Wir sind gefährlich!“. Er erinnert an Hitlers Anfänge im „Bügerbräukeller“. Man selbst sei jetzt eben im „Wirtshaus in Sendling“. Sonneborn will die Stimmung aufheizen: „Wir brauchen jetzt Suggestivbilder!“
Es ist 20.45 Uhr und Zeit für die einzelnen Kandidaten, sich vorzustellen. Ein Mikrofon, zwei Minuten, hier soll alles seine Ordnung haben. Die Kandidaten geben sich Mühe, PARTEI-gerechte Forderungen vorzubringen: „Kfz-Steuer für Schäubles Rollstuhl“, „Die ehemalige und hoffentlich zukünftige DDR kann ihre nationalbefreiten Zonen schon haben. Sie sollen sie aber auch selber zahlen“, „Gegen den Umzug des Bundesnachrichtendienstes: Lassen Sie die Spione vor Ort in Pullach!“ Manche Kandidaten sind nervös, die Gegenwart ihres Parteichefs verpflichtet.

Sonneborn ist der Star des Abends, für die anwesenden PARTEI-Anhänger ist er ein Held. Wenn er spricht, hören alle gebannt zu. Verlässt er kurz den Saal, um auf dem Parkplatz Pause zu machen, wird er von Fans begleitet, die im Gespräch zeigen wollen, dass auch sie politisch inkorrekte Querdenker mit Humor sein können. Diese Gespräche gehen häufig schief. In einer Pause erklärt ein Dachauer Parteimitglied Martin Sonneborn, warum er unbedingt Hitlers „Mein Kampf“ lesen sollte.
Dachauer: „Hast du es denn schon gelesen?“
Sonneborn: „Nein.“
Dachauer: „Solltest du aber.“
Peinliche Pause.
Dachauer: „Ich meine, das Buch ist so ein Mist.“
Sonneborn: „Gut, dass wir uns da einig sind.“
Um 22.15 Uhr tritt der Landesvorsitzende Bruckner ans Mikrofon und hält eine Wahlkampfrede mit geradezu Strauß'scher Kampfeslust. Er bebt, brüllt, schwitzt und fordert: „Die Einnahmen müssen wieder dahin, woher sie gekommen sind. Gebt’s uns, was g’numma hobt’s und schleicht’s eich!“ Er verspricht Freibier, sobald die Kosten gedeckt sind und erklärt sein Wahlziel: Die CSU auf 25 Prozent minus X drücken!

Machtvakuum in Bayern
Um 22.30 Uhr beginnt die lang erwartete Rede des Parteichefs Sonneborn. „Ich freue mich über Ihre Geduld. Das wird Sie weit bringen“, beginnt er seine Rede, die die Anhänger auf den Wahlkampf einstellen soll. „Sie werden mit allen schmutzigen Tricks arbeiten müssen. Mit der PARTEI ist kein niveauvoller Wahlkampf zu führen.“ Die Menge johlt. Zum Schluss stellt Sonneborn noch einmal klar fest: „Es darf links und rechts von der PARTEI nichts geben und es wird links und rechts von der PARTEI nichts geben.“
Es ist kurz vor elf als sich die PARTEI zu ihrem offiziellen Lied erhebt: „Die PARTEI, die PARTEI, sie hat immer recht“. Im Wirtshaus wundern sich derweil die Gäste über das Lied. Einer von ihnen ist der 62-jährige Gerhard. Er wählt seit 25 Jahren CSU, doch diesmal möchte er gar nicht zur Wahl gehen. Was er von der PARTEI hält? „Das sind doch auch Politiker, oder? Alle in einen Sack und draufhaun!“ Auf ein Gespräch mit Sonneborn hat Gerhard keine Lust. Ob sich der ehemalige Titanic-Chef das falsche Bundesland ausgesucht hat für sein Projekt?
„Es gibt keine überregional bekannten bayerischen Politiker mehr. Da gibt es ein Machtvakuum, das schmierige, populistische Parteien wie die unsere anzieht“, sagt er. Bis zum 30. Juni hat die PARTEI Zeit, genügend Unterschriften zu sammeln, um an der bayerischen Landtagswahl teilzunehmen.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/435910

   
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