Anfang 2004 in der Süddeutschen - Geschrieben von Philip Wolf

Das Rheinheitsgebot

Es gibt Situationen im Leben, die lassen sich ohne Philosophen vom Range der Kölner Band De Bläck Fööss nur sehr schwer einordnen. Diese hier zum Beispiel ist so eine: Da fährt die Bankkauffrau Alexandra Schell mit der U-Bahn durch die Münchner Nacht nach Hause. Ihr Vampir-Kostüm sitzt schief, sie ist müde nach einer langen Party, das Kunstblut im Mundwinkel und auf ihrem bleich geschminkten Gesicht ist verkrustet. „Junge Frau, kann ich Ihnen helfen? Ist Ihnen nicht gut?“ Eine ältere Münchnerin kümmert sich besorgt. „Nein, alles bestens, alles in Ordnung“, muss Alexandra, die Karnevalistin aus dem Rheinland, lügen.

Natürlich ist nichts in Ordnung, wenn zwei Welten aufeinander prallen. Die Bläck Fööss haben darüber in ihrem Karnevalshit „Mer losse d'r Dom en Kölle“ spekuliert: Was etwa wäre, wenn der Kreml am Kölner Ebertplatz stünde? Jetzt ist Karneval, und hunderte Exil-Rheinländer feiern in München – ein durchaus vergleichbares Experiment. „Man wird hier in der Öffentlichkeit angeguckt, als sei man irgendwie krank“, sagt Alexandra Schell.


Als sie am nächsten Abend loszieht, hat sie zusätzlich zum Kunstblut ein blaues Auge. Das macht die Sache nicht besser. Sie trägt rote Boxershorts, Boxhandschuhe und einen Bademantel mit Kapuze. Die Blicke der Bahnfahrgäste erträgt sie tapfer. „Etwa so, als wenn Du am Rosenmontag unkostümiert durch Köln fahren müsstest.“ In Sicherheit fühlt sich Alexandra erst, als sie die Tür zur Bar „Kokoro“ im ehemaligen Kunstpark Ost aufstößt – und eintauchen darf in eine wogende Menge Gleichgesinnter: Menschen mit puscheligen Hasenohren, Perücken, Ringelshirts, Badekappen oder Hütchen. Einige hundert Rheinländer, die in München leben, treffen sich hier jeden Monat. Tanzen, knutschen, trinken und singen. Zur Karnevalszeit erhöht sich die Frequenz. Und so ist an diesem Abend die Luft im „Kokoro“ einmal mehr geschwängert von tausend Litern importierten Früh-Kölschs und einschlägigen Liedern: „Drink doch eine met“, „De Mama kritt schon widder e Kind“, „Leev Linda Lou“, „Superjeilezick“.


Letzteres (zu Hochdeutsch: Supergeile Zeit) ist zugleich der Name des „Köln-Münchner Karnevalsvereins“, dessen zweiter Vorsitzender Ralf Esser die Treffen organisiert. Er ist eine Art spiritus rector der rheinischen Karnevals-Exklave in München und der lebende Beweis dafür, dass letztlich nur fordern kann, den Dom in Köln zu lassen, wer vom Leben selbst in Köln gelassen wurde. So wie die Bläck Fööss etwa, Ralf Esser und Alexandra Schell hingegen nicht. Sie fallen sich im „Kokoro“ um den Hals und bützen, als seien sie vom Schicksal auseinander gerissene Geschwister. Überhaupt und zur Erklärung: Man hat sich sehr lieb auf diesen lauten, kölschen Abenden, was ein vergleichsweise unnahbar cooles Münchner Partypublikum als Distanzlosigkeit werten müsste. Einen betörenden Sud aus Gesang, Geruch und Gefummel kreieren diese Karnevalisten – ein Bad in einer hochgradig ansteckenden, kontaktfreudigen Gemeinschaft.


Ralf Esser kam im Januar 2000 von Köln nach München. Die Allianz-Versicherung hatte ihn als Referenten in die Hauptverwaltung geholt, und er informierte ein paar rheinische Exilanten: einen kleinen Freundeskreis, der sich regelmäßig in Münchner Gaststätten traf. Der heute 33-Jährige setzte sich an die Spitze der Bewegung. 2001 gründeten er und zehn Freunde den Verein, der mittlerweile 190 Mitglieder zählt – plus 800 Sympathisanten. „Zu 60 Prozent bestehen wir aus echten Rheinländern“, sagt Esser. „Der Rest sind Leute, die sich bei uns mit dem Karnevals-Virus infiziert haben: Hamburger, Berliner. Vor allem unsere Bayern können die Bläck Fööss inzwischen besser mitsingen als wir selbst.“


Andrea aus Berchtesgaden etwa bringt schon ein ganz passables „Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn“ zustande – und niemand an der Theke käme angesichts ihrer frechen Zöpfe und ihrer von Küssen zerstörten Clown-Schminke an diesem Abend auf die Idee, sie gehöre nicht dazu. „Mitsingen zu können und zu verstehen, worum es geht“ – das ist das Kriterium für eine Aufnahme in den Verein und in Essers Mailingliste. „Sonst würde hier irgendein cooles Partyvolk rumstehen, das bloß billig Kölsch abstauben will“, sagt Esser. Das Rheinheitsgebot der Gemeinschaft bemisst sich also nicht an ethnischen Fragen, sondern am richtigen Gefühl: „Hey Kölle do bes e jeföhl“ übertönt Andrea aus Berchtesgaden lauthals die CD der Höhner. Offenbar eine kleine Aufwärm-Übung für den bevorstehenden Trip nach Köln.


Dort wird Andrea ein bayerisches Dirndl tragen: am Samstag auf dem Funkenball. Und am Sonntag im Lövenicher Stadtviertel-Zug, wo die rheinischen München-Repräsentanten als 18. Gruppe Aufstellung nehmen hinter den „Müngersdorfer Schluckspechten“. Dabei werden sie Vereins-Kappen tragen, auf denen eine humanoide Darstellung des Kölner Doms zu sehen ist, die einer vermenschlichten Frauenkirche zuprostet: das Vereinslogo. Am Montag schaut man sich gemeinsam den Kölner Zug an. „Unser Ziel ist es, München dort einmal zu repräsentieren“, sagt Esser. „Und unser Traum ist ein Zug durch München.“ Um diesem Traum ein Stück näher zu kommen, wollen sich Münchens Rheinländer am Faschingsdienstag gegen Mittag probeweise am Stachus formieren und die Münchner mit Bonbons bewerfen: „Kamelle!“ Ob die dafür Verständnis haben werden? Die Frage geht unter im frischen Kölsch, das dem „Kokoro“-Barkeeper mit dem laut gesungenen Hinweis abgenommen wird: „Dat Wasser vun Kölle is joot!“ Er lacht frech und entgegnet: „So ein Schmarrn!“


Bleibt eigentlich nur eine wirklich ernste Frage: Was macht ein Rheinländer am kommenden Wochenende in München, wenn er keinen Urlaub bekommt? „Keine Ahnung. Am Rosenmontag kann er jedenfalls ab 22.30 Uhr in die kleine Halle der Nachtgalerie auf eine kölsche Karnevalsparty gehen“, sagt Esser. „Ansonsten: Ich war Karneval noch nie hier.“ Er habe zwar einmal den Marktfrauentanz auf dem Viktualienmarkt miterlebt. „Aber Radiobühnen und Schlagermusik – das hat mit Karneval nichts zu tun. Genauso wenig wie die Bälle im Münchner Fasching. Da macht man sich schick und zeigt bloß, wer man ist.“


Trauerszene am 11.11.


Das aber ist dem kommunikativen Rheinländer fremd. Für ihn ist die Mannschaft der Star – und nicht ein einzelner Modegeck oder Prominenter. Im „Kokoro“ lässt sich das am Beispiel Nils Bokelberg studieren, der früher mal Moderator bei Viva war und heute die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München besucht, „um den deutschen Film zu retten“, wie er sagt. „Ich bin so froh, dass ich die Leute hier getroffen habe“, meint er, unbeachtet im allgemeinen Tanzgeschubber mitschwingend. „Am 11. 11. um 11.11 Uhr zum Beispiel – Faschingsbeginn in München: Da war nichts! Ich habe die Krise gekriegt. Ich bin in die HFF-Kantine gegangen und habe ganz alleine einen Kurzen getrunken.“ Eine Trauerszene. Vielleicht rettet sie ja mal den deutschen Film. Bokelberg persönlich jedenfalls ist, karnevalistisch zumindest, im „Kokoro“ gerettet.


Überhaupt: Nach mehreren Stunden unter Einfluss von Kölsch und Jeckenmusik verdichtet sich der Eindruck, dass dieses „Kokoro“ eine Trutzburg im karnevalistischen Niemandsland ist. Muss der Verein wirklich, wie Esser beteuert, Kontakte zu Münchner Faschingsvereinen suchen – was angeblich bisher erfolglos verlief? Oder hat die mit Orden der Bonner Ehrengarde dekorierte blonde Swantje Botmann Recht, die sich gegen Morgen zu der These versteigt: „Warum soll ich die Fahrt nach Köln bezahlen? Hier bekomme ich genauso meinen Spaß.“


Doch dann steigt man ins Taxi. Und der Fahrer schaut einen an. Und sagt grinsend: „Wie schauen Sie denn aus!“