Warum Köln so glücklich macht

Von Ismene Poulakos, 20.11.08, 20:16h, aktualisiert 21.11.08, 11:43h

Der Psychologe Stephan Grünewald hat 700 Kölner zum Tiefeninterview gebeten - und eine kuschelige Stadt-Seele zwischen Kaffeebude und Metropole gefunden. Im Gespräch erklärt er, warum Köln die schönste Stadt der Welt ist.

 
Kölner sind glücklicher als der Rest der Deutschen, meint Psychologe Grünewald.
 
KÖLNER STADT-ANZEIGER Herr Grünewald, warum ist Köln eigentlich das „Hätz vun d'r Welt“?
 

STEPHAN GRÜNEWALD Es ist diese virtuose Lebenskunst der Kölner, das Kuschelige mit dem Streben nach Größe zu vereinen. Das macht das besondere Flair aus, das auch bei Zugereisten sofort das Gefühl auslöst, in Köln heimisch werden zu können.

Sie haben rund 700 Tiefeninterviews der letzten Jahre ausgewertet und kommen in ihrem Buch „Köln auf der Couch“ zu dem Ergebnis, dass sich in Köln fast alles um die Sehnsucht dreht .

GRÜNEWALD Da ist zum einen die Sehnsucht nach einem beschaulichen und genussintensiven Leben, ich nenne es die Kaffeebud-Seele von Köln. Zusammenstehen, schwade, während die Zufuhr von Kölsch, Kaffee und Röggelchen gesichert ist - der Traum von der sozialen Vollversorgung. Gleichzeitig gibt es aber die Sehnsucht, über sich hinauszuwachsen. Köln soll Metropole sein; die Medienstadt, die Fußballstadt, die Kunststadt. Es ist ein großer Anspruch da, Außergewöhnliches zu leisten. Ein tolles Bild dafür ist die vier Meter hohe Schmitz-Säule in der Kölner Altstadt. Auf der einen Seite ist sie ihrem Spender Jupp Engels gewidmet. Auf der anderen Seite weist sie auf ein Ereignis hin, das sich just im gleichen Jahr der Säulen-Grundsteinlegung vollzog: Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond und war dabei 389 994 km und 100 von unserer Schmitz-Säule entfernt. Hier vereint sich die Kölner Sehnsucht nach Größe mit der nach Gemütlichkeit.

Aber ist eine solche Kombination nicht bereits in der Anlage zum Scheitern verurteilt?

GRÜNEWALD Scheitern, nein, wieso? Diese Kombination prägt ja gerade den besonderen Charme der Stadt. Köln ist meisterhaft darin, alles in der Schwebe zu halten. Der Kölner lebt von der Hoffnung, irgendwann groß rauszukommen. Beim Dom hat es ja auch 800 Jahre gedauert, vielleicht dauert es bei einem selbst acht Jahre - oder 18. Aber irgendwann passiert es. Es gibt eine ständige Verheißung, ohne sich für ihre Erfüllung disziplinieren zu müssen. Das ist kein Scheitern. Es gibt dabei höchstens die Gefahr, dass der Kölner seine Offenheit, seine Verrücktheit einbüßt. In dem er die Schotten dicht macht macht und sich nur noch selbst stilisiert. Sich nur noch verklüngelt und verknäuelt, weil er jede Konkurrenz scheut. Dann verliert die Stadt ihren schöpferischen Liebreiz.

Welche Konkurrenz?

GRÜNEWALD Eine dynamische Stadt steht heute in einer globalen Konkurrenz. Die Kölner haben ein unglaubliches Potenzial. Sie haben aber auch Angst, dass sie dem großen Parkett nicht gewachsen sind, dass Düsseldorf die potentere Stadt ist. Aber das ist gar nicht so. Der Zweifel an sich selbst fördert die Abschottung, die manchmal darin gipfelt, nur noch Viva Colonia zu singen und besoffen zu sein - vom Kölsch und der eigenen Größe. Dann sucht die Stadt ihr Glück nur noch bei irgendwelchen Heilsbringern, denen sie ihre Seele hinterherwirft. Diese Stadt hat eine schöpferische Potenz, aber leidet mitunter darunter, dass sie nicht an sich selbst glaubt.

Wen meinen Sie mit Heilsbringern? Den Stadtplaner Albert Speer? Lukas Podolski?

GRÜNEWALD Ja, die Hoffnung auf Prinz Poldi ist schon typisch kölsch. Es gibt ohnehin zurzeit eine starke Tendenz, das Kölner Heil am FC festzumachen. Köln hat aber eigentlich mehr zu bieten als nur Fußball, so wichtig der sein mag. Aber es ist bedauerlich, dass zum Beispiel eine Schlappe bei der Kulturhauptstadt Europas viele Kölner nicht so schmerzt wie drei FC-Niederlagen am Stück. Der Kölner muss über seinen Tellerrand gucken und sich dem Wettbewerb stellen, ohne dabei seine Eigenart zu opfern. Denn dann würde Köln seine Seele verkaufen, wenn man um des Erfolges willen der Gemütlichkeit abschwören würde.

Im vergangenen Jahr haben Sie das Buch „Deutschland auf der Couch“ herausgebracht, in dem sie ein Psychogramm der Bundesbürger gezeichnet haben. Ist der Kölner typisch deutsch?

GRÜNEWALD Nein, Köln hat schon Züge eines gallischen Dorfes. In Deutschland gibt es eine Tendenz zur coolen Gleichgültigkeit. Die Menschen betrachten das Leben wie eine Fernsehsendung, sind teilnahmslos und empfindungslos. Die Kölner sind nicht cool, sie sind immer mit der Seele dabei. Aber sie agieren nur schwerfällig. Im Land gibt es eine Tendenz, sich kalt zu machen, um mehr bewegen zu können. Zum Beispiel Leute entlassen oder ein ehrgeiziges Ziel durchboxen. Das will und kann der Kölner nicht. Er hat eine angeborene Scheu davor, Dinge zu Ende zu bringen.

Das klingt nach einer Liebeserklärung an Köln und seine Bewohner . . .

GRÜNEWALD Die Kölner haben eindeutig das beglückendere Lebensmodell als der Rest der Republik. Die Deutschen laufen sich immer mehr im Hamsterrad des Alltags fest. Diese besinnungslose Betriebsamkeit birgt die Gefahr, eine ganz zentrale Lebenskompetenz zu verlieren. Der Kölner arbeitet nicht rund um die Uhr, ist entspannter. Die zwei Seelen sind auch ein Korrektiv. Sich nicht der Perfektion zu verpflichten ist unglaublich entlastend.

Sind Sie eigentlich ein waschechter Kölner?

GRÜNEWALD Ich komme vom Niederrhein, lebe aber seit 28 Jahren in Köln. Ich erinnere mich noch gut, als ich mit 14 Jahren zum ersten Mal vor dem Dom stand. Diese Wucht und Größe und gleichzeitig die Beschaulichkeit der Stadt. Da stand für mich fest, dass ich hier einmal leben wollte. Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Aber ich konnte das Buch nur schreiben, weil ich nicht aus Köln bin und eine gewisse liebevolle Distanz zu der Stadt habe.

Wir sprachen zu Beginn über die Unzerstörbarkeit der Sehnsucht - so auch der Untertitel Ihres Buches.

GRÜNEWALD Der Kölner glaubt an das Paradies. Sonst gibt es in Deutschland eine eher atheistische Tendenz. In dieser Stadt jedoch gibt es ein tiefes Bewusstsein von der Endlichkeit des Seins. Und auch eine tiefe Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand, der aber nicht im Jenseits liegt, sondern in der selbst erlebten Vergangenheit, in der „Superjeilenzick“. Warum das so ist, kann ich mit dem psychologischen Ansatz gut erklären.

Können Kölner eigentlich woanders heimisch werden?

GRÜNEWALD Aber ja. Einige Kölner fliehen geradezu aus Köln, weil ihre Köln-Sehnsucht so groß ist, dass das wirkliche Köln sie nicht befriedigen kann. Sehnsucht funktioniert nur aus der Distanz. Köln ist eine herrliche Idee von einem besseren Leben! Die, die weggehen, tragen Köln im Herzen.

INTERVIEW: ISMENE POULAKOS

Der Psychologe Stephan Grünewald ist Mitbegründer des rheingold- Institutes für Markt- und Medienanalyse. Er schrieb zahlreiche Beiträge über Jugend, Kultur, Lebensalltag und Werbewirkung. Mit seinem Bestseller „Deutschland auf der Couch“ hat er das Buch zum seelischen Notstand der Nation verfasst.

 


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