In einem interessanten Artikel berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger über Kölle im 18. Jahrhundert. Besonders der letzte Absatz gefällt mir sehr gut. "Sie trinken im Übermaß und machen Geschäfte »inter poculas« (beim Bechern), an Festtagen sitzen sie sechs und mehr Stunden zu Tisch; alle müssen betrunken sein.Ohne Urteil und Wahrheitsgefühl halten sie Falsches für wahr, Wahres für falsch, sofern es ihnen gerade zu passen scheint. Über das Unglück quälen sie sich viel zu sehr, im Glück jubeln sie allzu laut auf. Die Leitung der Vernunft wird gänzlich ausgeschlossen – alles zeugt von wahrhaft kleinmütiger Gesinnung." Da hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht viel geändert. So sind wir Rheinländer halt Wink An dieser Stelle zitiere ich einfach mal die Paveier: "Doch de Hauptsach es et Hätz is joot - un dovon hammer vill".

 

 

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Köln im 18. Jahrhundert

Klüngel, Suff und Gottesfurcht

Als noch „hochweise und hochedle“ Männer das Regiment in Köln ausübten: die Ratsherren in ihrem Habit im Rathaus (Kupferstich aus dem Jahre 1655).
Foto: Archiv Von Carl Dietmar

In Köln förderte die Führungsschicht im 18. Jahrhundert Korruption, Klüngel und Intoleranz. Das Ergebnis waren Rückständigkeit, eine unsägliche Armut und eine übertriebene Religiosität.

Von weitem sah die Stadt noch einladend aus: „Unter allen Städten am Rhein liegt keine so üppig dahingegossen, so mit unzähligen Türmen prangend da. Doch wie wenig stimmt das Innere dieser weitläufigen Stadt mit dem vielversprechenden Anblick von der Flussseite überein.“ Der berühmte Naturforscher Georg Forster, der mit James Cook die Welt umsegelt hatte, besuchte Köln im Jahre 1790 – und er war erschüttert ob der Zustände, die er in der stolzen „Freien Reichsstadt“ vorfand: Rückständigkeit, eine unsägliche Armut und eine Religiosität, die dem aufgeklärten Wissenschaftler übel aufstieß: „Nirgends erscheint der Aberglaube in einer schauderhafteren Gestalt als in Köln.“

Forster war im 18. Jahrhundert nicht der einzige Besucher, der den offensichtlichen Niedergang der einst prosperierenden Stadt fassungslos registrierte. „Am nächsten Abend kamen wir gegen fünf Uhr in Köln an, in der hässlichsten und schmutzigsten Stadt, die ich je mit eigenen Augen sah. Wir gingen zum Dom, der nur ein riesiger Ruinenhaufen ist, ein riesiges missgestaltetes Ding, dem weder Symmetrie noch Anmut zukommt.“ Der englische Theologe John Wesley, der Gründer der ersten Methodisten-Gemeinde, weilte 1737 in Köln – und er wurde sogleich mit der religiösen Intoleranz der Kölner konfrontiert. „Als wir aus der Kirche hinaustraten, setzte sich auf der anderen Seite des Domplatzes gerade eine Prozession in Bewegung. Einer aus unserer Gesellschaft überlegte noch, ob er seinen Hut ziehen sollte, da rief ein eifriger Katholik schon aus: »Haut ihn nieder, den lutherischen Hund!«“

Eine unangenehme Stadt

Möglicherweise hat sich Wesley in seinem Urteil vom Schweizer Arzt Albrecht von Haller, einem berühmten Mediziner, beeinflussen lassen, Haller hatte schon 1725 festgestellt: „Diese weitläufige, erzkatholische Stadt ist sehr unangenehm und schlecht gebaut, die Kirchen haben nichts Schönes. Ich war froh, diesen verdrießlichen Ort wieder zu verlassen.“ Köln galt damals als schmutzig und rückständig, geradezu vernichtend fiel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Verdikt eines „reisenden Franzosen“ aus – er nannte Köln die „abscheulichste Stadt Deutschlands“. Wenigstens um ein Jahrhundert seien die Kölner hinter den übrigen Deutschen zurück. „Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung – kurz, alles unterscheidet sie so stark von ihren Landsleuten, dass man sie mitten in ihrem Vaterland für eine fremde Kolonie halten muss.“ Und weiter: „Nebst dem allen Republikanern eigenen Hass gegen Neuerungen und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten herrscht das unsinnige Zunftsystem mit ungleich mehr Stärke als in irgendeiner anderen Reichsstadt.“

Auch wohlmeinende Beobachter kritisierten die Stadtverfassung, die Führungsschicht, die Wirtschaftspolitik sowie die rigorose Konfessionspolitik, die dazu führte, dass etwa im Jahre 1714 neun wohlhabende protestantische Fabrikanten- und Kaufmannsfamilien die Stadt verlassen mussten und sich in Mülheim niederließen. Der kaiserliche Resident in Köln, Hermann Werner Bossart, fällte um 1750 ein vernichtendes Urteil über die Kölner Elite: „Die mit dem Prädikat »von« sich selbst beadelnden Patricii, die als regierende Bürgermeister und Mitglieder des Rats die Geschäfte führen, pflegen alles nur nach ihrer eingebildeten Hoheit und nach dem Interesse ihrer Familien abzumessen und einzurichten.“ Der „hochweise und hochedle Rat“, wie er sich bezeichne, sei alles andere als weise und noch weniger edel. Bei der Besetzung öffentlicher Ämter und Ratsstellen, so Bossart, gäben nicht Verdienst und Rechtschaffenheit den Ausschlag, sondern Geld und „Konnexionen“ (Beziehungen); fast jeder, dem es gelänge, ein Amt zu erwerben, suche sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern.

Von der Bürgerschaft distanziert

Bossart sprach damit eine Eigenart der Kölner Stadtverfassung an: Mit dem sogenannten „Drei-Räte-System“ hatten sich die Ratsherren schon seit dem 16. Jahrhundert von der Bürgerschaft distanziert und zur Obrigkeit aufgeschwungen: Der „sitzende“, der amtierende Rat schied zwar nach einem Jahr aus dem Amt – wie es der „Verbundbrief“ vorgesehen hatte, die in Köln vielfach als „erste Demokratie“ hochgelobte Stadtverfassung aus dem Jahre 1396. Die ausgeschiedenen Ratsherren konnten aber nach zwei Jahren wiedergewählt werden, so dass schließlich drei Gruppen im dreijährigen Turnus im Rat saßen.

Ähnliches galt für die zwei Bürgermeister, die ebenfalls nur ein Jahr amtieren; nur fünf Familien stellten im 18. Jahrhundert mehr als die Hälfte aller Bürgermeister. Es sind die immer gleichen Namen, die – etwa im Zeitraum von 1720 bis 1750 – im Drei-Jahres-Rhythmus auftauchen: Nikolaus de Groote, Peter Nikolaus von Krufft, Johann Peter von Herweg, Johann Arnold Josef von Mylius, Franz Josef von Herrestorf, um nur einige zu nennen. Johann Balthasar von Mülheim (1701–1775) wurde achtmal zum Bürgermeister gewählt – er war aber insofern eine Ausnahme, als er sich um die Stadt verdient machte; ihm verdankt Köln die Anlage des Neumarktes.

Hemmschuh der wirtschaftlichen Entwicklung

Einer von Bossarts Nachfolgern als kaiserlicher Resident urteilte später, „die Zunftprivilegien sind dem gemeinsamen Besten der Stadt nachteilig“; die Zunft- und Amtsmeister behinderten alle Künstler und Handwerker, die nicht zu ihrer „Clique“ gehören, an der Qualifizierung, arbeiteten aber selbst schlecht und ließen sich teuer bezahlen. Immer wieder erwiesen sich die Zünfte als Hemmschuh einer wirtschaftlichen Entwicklung, sie verhinderten selbst Fortschritte im Bereich der Produktion – als der Amtsmeister Pallenberg einen modernen Schubwebstuhl einsetzen wollte, musste er nach heftigen Protesten der Weber seinen Posten abgeben. Kein Wunder, dass Handel und Gewerbe gänzlich verfallen seien. Innovationen kämen nur von Zuwanderern, die sich als „Neubürger“ einschreiben ließen – so nannte man damals Imis.

Ein gelehrter Engländer, John Reresby aus York, zeichnete schon früher ein ungünstiges Bild von den Kölnern: „Sie trinken im Übermaß und machen Geschäfte »inter poculas« (beim Bechern), an Festtagen sitzen sie sechs und mehr Stunden zu Tisch; alle müssen betrunken sein.“ Arnold Bucelius, ein Reisender aus Utrecht, hatte sich über eine andere Unart mokiert: „Ohne Urteil und Wahrheitsgefühl halten sie Falsches für wahr, Wahres für falsch, sofern es ihnen gerade zu passen scheint. Über das Unglück quälen sie sich viel zu sehr, im Glück jubeln sie allzu laut auf. Die Leitung der Vernunft wird gänzlich ausgeschlossen – alles zeugt von wahrhaft kleinmütiger Gesinnung.“ Irgendwie zeitlos, diese Sätze. Als hätte es damals schon einen Fußballclub in Köln gegeben.

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