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"Auch ich werde immer wieder beschimpft"

Vor den Länderspielen gegen Georgien und die Slowakei: Lukas Podolski über die polarisierende Kraft seines neuen Vereins FC Bayern, Kölsche Heimatliebe und den Kult um seine Person.
Von Philipp Selldorf
 
 
Lukas Podolski
Immer gut drauf: Poldi und Schweini.
Foto:

 
SZ: Herr Podolski, das sind aufregende Wochen: Sie haben Ihr erstes Tor in der Champions League geschossen und am Wochenende waren Sie in der Lederhose auf dem Oktoberfest. Es heißt, Sie hätten sogar eine Weißwurst gegessen.

Podolski: Stimmt nicht.

SZ: Aber Ihr Freund Bastian Schweinsteiger hat doch angekündigt, Sie zwingen zu wollen.

Podolski: Wenn ich das nicht mag, kann mich keiner zwingen. Auch nicht Bastian Schweinsteiger.

SZ: Wie hat es Ihnen ohne Weißwurst auf dem Oktoberfest gefallen?

Podolski: So viel habe ich da nicht gesehen. Wir saßen mit der Mannschaft gemütlich im Käfer-Zelt, haben was Tolles gegessen und es war eine schöne Atmosphäre. Aber dann bin ich nach Hause gegangen. Wenn ich am Wochenende aufs Oktoberfest gehen würde, dann müsste ich alle paar Schritte stehen bleiben, für Fotos und Autogramme. Und während der Woche habe ich ja keine Zeit, weil immer ein Spiel ist.

SZ: Haben Sie München inzwischen kennen gelernt?

Podolski: Wenig. Ich richte mein Haus ein und warte noch auf die Möbel.

Aber ich habe ja einen Vertrag über vier Jahre - da kann ich mir noch oft die Stadt angucken.

SZ: Sie wohnen auf dem Land, Richtung Süden, oder?

Podolski: Ich sehe auf jeden Fall die Berge und bin froh, auf dem Land zu leben. Ich mag es nicht, in der Stadt zu wohnen, das ist nicht mein Ding. Anderen gefällt das, mir nicht. Ich habe ein schönes Haus gefunden. Ich bin zufrieden, sehr zufrieden.

SZ: Sie sind zufrieden? Obwohl Sie während der ersten Wochen beim FC Bayern ständig auf der Ersatzbank saßen?

Podolski: Wenn ich sagen würde, dass ich damit zufrieden bin, dann wäre ich kein Fußballer. Ich will immer spielen. Aber ich bin 21 Jahre jung, da mache ich mir keinen Kopf, warum ich nicht jedes Spiel über 90 Minuten dabei bin. Die Karriere dauert noch lang, ich verstehe gar nicht, warum da immer so ein Theater gemacht wird, wenn ich mal auf der Bank sitze. Der FC Bayern ist der beste Verein in Deutschland, da spielen halt viele ausländische Topstars.

SZ: Was ist die größte Veränderung gegenüber dem Leben beim 1.FC Köln? Podolski: Wenn wir mit Bayern nach Wolfsburg fahren, ist das für die Leute dort das Spiel des Jahres. Wenn wir mit dem FC dahin gefahren sind, dann haben die gesagt: Ach, da kommt nur der FC. Außerdem habe ich gemerkt: In ganz Deutschland sind alle gegen die Bayern. Die Fans und auch die Medien.

SZ: Ihre Fangemeinde ist groß in Deutschland. Werden Sie jetzt auch beschimpft, weil Sie Bayern-Spieler sind?

Podolski: Immer wieder. Interessiert mich aber nicht. Wäre ja auch falsch, wenn mich die gegnerischen Fans bejubeln würden. Dann würde irgendwas nicht stimmen.

SZ: Haben Sie das Gefühl, Sie müssten im Konkurrenzkampf Punkte sammeln? Ist dann ein Treffer wie das 2:0 gegen Inter Mailand besonders wertvoll? Podolski: Hätte ich das Tor nicht gemacht, wäre das auch kein Rückschlag gewesen. Aber klar: Es war ein tolles Gefühl. Ich hab‘ ja den ersten Ball mit dem starken linken Fuß drübergehauen, und dann schieße ich das Tor mit Rechts. Das war schon gut.

SZ: Sie haben neulich über Ihre Lage beim FC Bayern gesagt: ‚So habe ich mir die Situation nicht vorgestellt.‘ Was meinten Sie damit?

Podolski: Ich hatte zwei Spiele gemacht und habe schlecht gespielt.

SZ: Sie meinten nicht Ihre Situation auf der Ersatzbank?

Podolski: Das auch. Schon. Aber es war mir ja klar, dass es am Anfang schwierig würde. Es war eine lange WM, ich hatte eine kurze Vorbereitung. Das habe ich in den ersten Wochen auch gespürt. Aber jetzt fühle ich mich topfit und bin bereit für 90 Minuten.


SZ: Sind Sie froh, bei der Nationalmannschaft zu sein? Bundestrainer Löw sagt, er würde sie immer spielen lassen.

Podolski: Was heißt immer? Wenn ich hier meine Leistung nicht bringe, dann sitze ich auch auf der Bank. Das geht ganz schnell. Ich bin stolz, mit 21 schon 35 Länderspiele zu haben, ich weiß, dass ich dazu gehöre und eine Stütze bin, aber es wäre ganz falsch, zu glauben: Ich werd‘ sowieso immer eingeladen.
SZ: Sie sind erst 21, aber Sie kennen schon eine ganze Menge Trainer ...

Podolski: ... ja, meine Trainer wechseln ständig. Koller, Völler, Stevens, Klinsmann, Rapolder, Latour, Magath und jetzt Löw. Jeder war verschieden. Vom Menschlichen und vom Fußballerischen her. Keiner der acht Trainer hat das gleiche System spielen lassen.

SZ: Welches System gibt Ihnen die Rolle, die Ihnen am besten gefällt?

Podolski: So wie es hier bei der Nationalmannschaft ist. Mit zwei Stürmern. Im ständigen Wechsel. Einer lässt sich immer wieder mal zurückfallen, der andere ist der Stoßstürmer.

SZ: Was macht Miroslav Klose dann anders als Roy Makaay?

Podolski: Kann ich nicht sagen. So oft habe ich mit Roy Makaay noch nicht zusammengespielt.

SZ: Viele meinen, dass das nicht funktioniert, weil Sie und Makaay sich zu ähnlich sind. Felix Magath scheint das auch zu glauben.

Podolski: Weiß ich nicht. Aber wenn wir mal zusammenspielen und machen in zwei Spielen fünf Tore, sagen dieselben Leute: Das ist das neue Traumduo. Mit Miroslav Klose spiele ich halt schon längere Zeit zusammen, wir kennen uns, da merkt man schon, dass das besser harmoniert. Und wir haben im Training eben viel gelernt mit Jürgen Klinsmann und Jogi Löw. Wie wir uns bewegen, wie wir laufen sollen, das Taktische.

SZ: Macht das Felix Magath auch?

Podolski: Das haben wir bis jetzt, glaube ich, noch nicht gemacht.

SZ: Greift Magath viel ins Training ein?

Podolski: Nein, bis jetzt noch nicht.

SZ: Haben Sie sich schon mal länger mit ihm unterhalten?

Podolski: Noch nicht so viel. Dass wir mal ein Gespräch hatten über eine halbe Stunde, das gab‘s noch nicht.

 


 
SZ: Aber Bayern-Manager Uli Hoeneß ist gesprächiger? Er steht den Spielern in München doch sehr nah.

Podolski: Hoeneß ist ein sehr menschlicher Typ und sehr nett. Wenn man irgendwelche Probleme hat, kann man immer auf ihn zugehen und mit ihm sprechen.

Der ist ja immer dabei. Man sieht, dass er Spaß am Beruf hat. Auch, wenn er auf der Bank sitzt: Da ist er immer sehr emotional dabei und poltert ziemlich rum.

Aber das ist auch richtig so.

SZ: Die größte Sorge Ihrer Freunde nach dem Umzug nach Bayern war, dass Sie am Heimweh leiden. Fehlt Ihnen der Dom wirklich so sehr?

Podolski: Klar fehlt da was. Aber ich brauche zum Flughafen eine halbe Stunde und bin dann eine dreiviertel Stunde später in Köln.

SZ: Wie oft fliegen Sie?

Podolski: So oft es geht. Ist für mich kein Problem. Aber ich bin auch gern in München. Es geht hauptsächlich um den Fußball, und Köln und die Leute sind ja nicht verschwunden. Ich kann ja immer zurückkehren.

SZ: War der Schritt zu Bayern richtig?

Podolski: Absolut richtig. Ich bereue nicht, dass ich ihn gemacht habe.

SZ: Sie hätten es beim Hamburger SV vielleicht einfacher gehabt.

Podolski: Aber wenn man sieht, was beim HSV los ist ... Wäre ich jetzt in Hamburg, hätte jeder gesagt: Warum ist er nicht nach München gegangen? Jetzt bin ich in München, und jeder sagt: Warum ist er nicht nach Bremen gegangen?

SZ: Sie kennen das Fußballgeschäft schon ziemlich gut, oder?

Podolski: Klar, hab‘ ja auch schon viel erlebt.

SZ: Ist es bei Bayern München vielleicht dadurch einfacher, dass es so viele Stars gibt? Beim 1.FC Köln waren Sie der einzige.

Podolski: Das war sehr schwer, das stimmt. In Köln waren die Menschen immer offen und supernett, doch manchmal war es nervend. Du bist in einer Mannschaft - aber alle stürzen sich nur auf dich. Nach dem Training kamen tausend Fans nur auf mich zu. Und bei den Interviews: immer Podolski, alles immer nur Podolski. In München ist zwar auch viel los, aber da sind jetzt viele andere Stars. In Köln beim FC war es extremer, schon weil es keinen Zaun gab wie in München. Da saßen die Rentner hinter dem Tor, haben Skat gespielt, und man hat sich mit denen ein bisschen unterhalten. Dann kommt auch mal ein Hund vorbeigelaufen ...

SZ: Das klingt jetzt stark nach Heimatgefühlen.

Podolski: Ich war ja nicht umsonst elf Jahre in dem Verein.

SZ: Beim nächsten Vereinswechsel: Gilt dann noch Ihr Wort, dass der FC Barcelona Ihr Lieblingsverein ist?

Podolski: Ist er immer noch. Wenn dann Barcelona. Oder der 1.FC Köln. In der Bundesliga wechsle ich nur nach Köln, zu keinem anderen Verein.

SZ: Bis dahin können Sie noch Lederhose tragen. Hat Ihnen das gefallen? Oder fanden Sie‘s merkwürdig?

Podolski: Gar nicht. Sah auch nicht schlecht aus, fand ich. Meiner Freundin hat‘s auch gefallen.

(SZ vom 6.10.2006)